Vergangenen Oktober bewilligte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit fünf neue Unkrautvernichter mit dem giftigen Wirkstoff Flufenacet. Dieser kann laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und Kinder im Mutterleib gefährden. Die EU prüft gegenwärtig ein Verbot.
Flufenacet ist zudem langfristig gefährlich. Der Stoff zersetzt sich im Boden zu Trifluoracet (TFA), eine chemische Verbindung aus der Gruppe der PFAS. Diese «Ewigkeitschemikalien» sind sehr problematisch, weil sie sich in der Umwelt kaum abbauen. Der K-Tipp wies bei einer Analyse in jeder zweiten Schweizer Trinkwasserprobe PFAS nach (K-Tipp 12/2023).
TFA: Möglicherweise ein Gesundheitsrisiko
Vor kurzem fand das Bundesamt für Umwelt in einer Untersuchung in sämtlichen 550 Grundwassermessstellen Spuren von TFA. Sehr hoch waren die Konzentrationen in Ackerbaugebieten Die Experten massen dort bis zu 6 Mikrogramm TFA pro Liter. Zum Vergleich: Für Substanzen, die als gesundheitsschädigend eingestuft sind, gilt ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter.
TFA galt bis vor kurzem als relativ unproblematisch. Doch eine neue Studie des Chemiekonzerns Bayer zeigt, dass die Sub-stanz zu schweren Missbildungen bei Kaninchenföten führt. Daher bewertet sie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit als «reproduktionstoxisch». Die EU überprüft zurzeit, ob TFA als gesundheitsgefährdend eingestuft werden soll. Die Schweizer Ämter richten sich in der Regel nach der Einschätzung der EU.
Sollte TFA als gesundheitsschädigend bewertet werden, hat das Folgen: Die Wasserversorger rechnen mit Kosten von mehr als 7 Milliarden Franken, um das Schweizer Trinkwasser vom Gift zu reinigen (Interview Seite 7). Zum Vergleich: Die Massnahmen beim Pilzgift Chlorothalonil kosten über 800 Millionen Franken. Auch Chlorothalonil gelangte jahrzehntelang auf Felder und Rebberge, bevor das Risiko für die Gesundheit erkannt wurde.
Bauern spritzen die Mittel tonnenweise
Insgesamt gibt es in der Schweiz laut Bundesamt für Umwelt 28 Stoffe, die sich zu TFA abbauen. Im Jahr 2023 spritzten die Schweizer Bauern total 34 Tonnen dieser Mittel, vor allem auf Getreidefelder. Vor 15 Jahren waren es erst 22 Tonnen («Saldo» 19/2023). TFA gelangt zudem aus der Industrie ins Grundwasser.
Der K-Tipp wollte wissen, warum die Behörden neue TFA-haltige Pestizide bewilligten. Das zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit teilt mit, diese Pestizide seien mit bereits erhältlichen Mitteln vergleichbar: Es gebe bei ihrem Einsatz «keine neuen Anwendungen oder Risiken». Falls die EU diese Mittel verbiete, werde die Schweiz die Genehmigung ebenfalls zurückziehen.
Pestizid Chlorothalonil: Bund will die Verursacher nicht belangen
Schweizer Bauern setzten das Pestizid Chlorothalonil jahrzehntelang gegen Pilzbefall ein. Im Jahr 2020 wurde der Stoff verboten, da er vermutlich krebserregend ist. Seine Abbaustoffe überschreiten in vielen Grundwasserquellen in der Schweiz den gesetzlichen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter (K-Tipp 1/2020 und 12/2024).
Nach Angaben des Bundes trinkt etwa ein Zehntel der Schweizer Bevölkerung Wasser mit zu hohen Chlorothalonil-Abbaustoffen. Viele Gemeinden müssen daher bis 2026 neue Reinigungsverfahren in Betrieb nehmen. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht schätzt der Bundesrat die Kosten auf 818 Millionen Franken.
Das zahlen am Schluss die Haushalte: Für eine vierköpfige Familie beträgt der Zuschlag auf der Wasserrechnung bis 115 Franken pro Jahr. Der Bundesrat lehnt es ab, die Trinkwasserversorger zu unterstützen oder die Mehrwertsteuer auf Pestizide zu erhöhen. Die Bauern zahlen darauf nur 2,5 statt 8,1 Prozent Mehrwertsteuer.
Gemäss Gesetz müssten bei Trinkwasserverschmutzungen die Verursacher die Kosten für die Reinigung tragen. Doch laut Bundesrat können diese «nicht mehr eruiert werden». Der Bundesrat bittet also die Konsumenten zur Kasse. Nicht belangen will er die Bauern und Chlorothalonilhersteller wie den Chemiekonzern Syngenta.
«Der Bundesrat muss den Einsatz der Pestizide reduzieren»
Christos Bräunle vom Fachverband für Wasser, Gas und Wärme zum Problemstoff TFA im Trinkwasser.
Das Grundwasser in der Schweiz ist mit TFA verschmutzt. Müssen die Behörden handeln?
Der Bundesrat sollte die Anwendung von TFA-haltigen Pestiziden reduzieren und diese in der Nähe von Trinkwasserfassungen ganz verbieten. Sonst nimmt die Belastung mit TFA noch weiter zu. Es ist gemäss Gesetz schon heute nicht erlaubt, im Zustrombereich Pestizide einzusetzen, die das Grundwasser dauerhaft belasten.
Die EU prüft, ob TFA eine Gefahr für die Gesundheit ist. Was wären die Folgen eines Verbots?
Das hängt davon ab, welche Höchstwerte dann für TFA im Trinkwasser gelten würden. Lassen sich die gesundheitlichen Folgen nicht genau abschätzen, gilt meist ein Vorsorgewert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser.
Was würde dieser Wert für die Wasserversorger bedeuten?
Das Rohwasser in der Schweiz müsste in diesem Fall nahezu flächendeckend mit aufwendigen technischen Methoden gereinigt werden. Die dafür nötigen Investitionen betragen nach Berechnungen unseres Fachverbandes rund 6,5 Milliarden Franken. Hinzu kommen jährliche Betriebskosten von 780 Millionen Franken.